Schönsee - Zweiherrenland im Geflecht der bayerisch-böhmischen Beziehungen

In der Historie der Stadt Schönsee kann die über Jahrhunderte von engsten Verbindungen geprägte Geschichte des benachbarten bayerischen und böhmischen Grenzgebiets sehr gut abgelesen werden.
Die Geschichtsforscherin und Autorin der Schönseer Stadtchronik, Dr. Teresa Guggenmoos, spricht bei der Herrschaft “Reichenstein - Schönsee" von einem “Zweiherrenland". Landesherren waren ab 1350 die pfälzischen, nach 1628 die bayerischen Kurfürsten, Lehensherren jedoch die Könige von Böhmen (bis zum Preßburger Frieden 1805).

Frau Dr. Guggenmoos schreibt in der Schönseer Chronik über den Beginn des 455 Jahre dauernden Lehensverhältnisses:
"Am 29. Mai 1350 wurde ein bewaffneter Konflikt zwischen Karl IV. und dem Nürnberger Burggrafen, verbündet mit dem Landgrafen von Leuchtenberg beigelegt. Unter dem gleichen Datum besagt eine Urkunde, daß die Landgrafen Ulrich II. und Johann I. von Leuchtenberg die Schlösser Pleystein und Reichenstein mit allen ihren Zugehörungen aus gutem Willen, nicht gezwungen der Gnade Karls IV., König von Böhmen überließen, der sie ihnen mit allen Zugehörungen als feudum honorabile als Lehen der Krone Böhmens übertrug. Siegler dieser wichtigen Urkunde waren der Erzbischof von Prag, die Bischöfe von Bamberg, Würzburg, Augsburg und Naumburg, die Grafen von Öttingen und Wertheim sowie fünf weitere Adelige."

Was bedeutete die Lehensherrschaft, in die noch im 14. Jahrhundert die Herrschaft Frauenstein westlich von Schönsee einbezogen wurde? 
Der Prager Lehenshof entschied nun über jeden Wechsel im Besitz der Herrschaft, sei es anlässlich eines Verkaufs oder durch einen Erbgang. Seine Zustimmung war in manchen Fällen erst nach langwierigen Verhandlungen und durch besondere Zugeständnisse der Bewerber zu erlangen. Die Belehnung der Landgrafen von Leuchtenberg im Jahre 1350 erfolgte ausdrücklich nach deutschem Recht, wonach der Lehens Obrigkeit keinerlei territoriale Hoheit über das Lehensgut zustand. Im Gegensatz zu den umliegenden Gebieten war Reichenstein-Schönsee vorerst noch keiner Landesherrschaft unterworfen. Erst mit Urkunde von 15. März 1530 begab sich der Inhaber der Herrschaft Reichenstein-Schönsee Hans von Fuchs für sich selbst, seine Erben und Nachkommen "aus freiem, guten Willen und für ewige Zeiten" mit Frauenstein, Reichenstein und Schönsee, Schneeberg und Winklarn und seinen anderen vor dem Böhmerwald liegenden Gütern in die Landeshoheit der Kurpfalz.

Die Lehens Herrschaft Böhmens und die pfälzische, später bayerische Landeshoheit über die Stadt Schönsee mit dem Umland waren immer wieder Gegenstand von Streitigkeiten. Nach 1790 spitzte sich die Situation besonders zu. 
Im Frühjahr 1794 erschien, von Militäreinheiten begleitet, ein Abgesandter des königlich-böhmischen Lehensherrn in verschiedenen Lehensorten. 
Am 1. Mai 1794 kam er auch nach Schönsee und verkündete unter Anbringung eines böhmischen Wappenschilds am Rathaus, den Schönseern jetzt viel Freunde zu bringen und sie glücklich zu machen. Er verhieß nämlich, die bayerischerseits geplanten Rekrutierungen dürften nicht stattfinden und eine Reihe von Abgaben sollten entfallen: darunter die Bürger-, Exerzier- und Brautgulden sowie das Umgeld auf das Bier. Die übrigen Abgaben würden auf den Stand wie vor hundert Jahren ermäßigt. Er verbot kurzerhand, kurfürstliche (bayerische) Befehle auszuführen und an Bayern Abgaben zu entrichten. Um breite Kreise der Bevölkerung für die böhmische Seite zu gewinnen, versprach er auch, die freie Holzentnahme aus den Reichensteinischen und Frauensteinischen Wäldern zu erweitern. 
Dass dann postwendend bayerische Proteste Schönsee erreichten, lag auf der Hand. Trotzdem blieb vorerst am Schönseer Rathaus das böhmische Wappenschild hängen - ein silberner gekrönter, zwiegeschwänzter Löwe im roten Feld auf einer schwarzen, gelbumrandeten Holztafel mit der Inschrift "Königlich böhmisches Kronlehen".

Im Januar 1797 wurden dann bayerische Truppen nach Schönsee verlegt, nachdem immer mehr Unordnung einriss. So sahen sich die Schönseer zwischen zwei Herren gestellt und sie klagten, ob sie nun Bayern oder Böhmen gehorchten, immer würden sie von einem der beiden bestraft. Auch innerhalb der Bevölkerung, ja sogar unter den Bürgermeistern herrschte Uneinigkeit, ein Teil hielt zu Bayern, ein Teil zu Böhmen. 
Die Situation verschärfte sich nochmals, als der Prager Lehenshof 1798 die Errichtung einer Zollgrenze zwischen der Stadt Schönsee und der übrigen Oberpfalz anordnete. Die Schönseer sollten fortan eine Mautgebühr entrichten, wenn sie Waren landeinwärts zum Verkauf bringen wollten.

Bayerische und böhmische Besatzungen wechselten sich in Schönsee um die Jahrhundertwende von 1800 immer wieder ab. Im Dezember 1801 konnte das böhmische Wappenschild am Rathaus endlich abgenommen werden. Erst das Jahr 1805 brachte mit dem Preßburger Frieden das Ende all dieser Wirrnisse: 
Mit Artikel XV des Vertrags von Preßburg ging die Lehenshoheit über Reichenstein - Schönsee und Frauenstein von der Krone Böhmens auf den Kurfürsten von Bayern über.
Um das Jahr 1799 soll auch das Standbild des "Doppelten Johannes" Nepomuk westlich von Schönsee aufgestellt worden sein. Über die ursprüngliche Bedeutung dieser Steinfigur mit den zwei Gesichtern, die nach Osten und Westen blicken, gibt es vorerst nur Interpretationen. Symbolträchtig ist der Schönseer "Doppelte Johannes" ohne Zweifel, einmal im Blickwinkel der Ereignisse gegen Ende der böhmischen Lehensherrschaft um 1800 und zum anderen heute fast 200 Jahre später mit dem Ende des "Eisernen Vorhangs" und dem Wiederbeginn guter nachbarschaftlicher und freundschaftlicher Beziehungen zwischen Bayern und Böhmen.

Dieser knappe historische Exkurs auf fünf Jahrhunderte zeigt, wie diesem Landstrich an der bayerisch-böhmischen Grenze - die Geschichte der Stadt Schönsee hat durch seine böhmische Lehensherrschaft eine besondere Prägung erfahren - vom Mittelalter bis heute eine Mittlerrolle und Brückenfunktion zugeschrieben werden darf.